In vielen meiner Posts sprach ich immer wieder von der chinesischen Jugend, die im Gegensatz zu der westlichen allzu unschuldig und rein wirkt, ihren Eltern gehorrcht, sich unterordnet etc.
Nun moechte ich ein paar weitere Aspekte hinzufuegen, damit das Bild etwas kompletter wird:
Chinas Jugend steht unter enormer Konkurrenz, gerade in der Schulzeit. Jeder will studieren und dafuer muss das Abitur exzellent sein. Was mit dem Numerus Clasusus-System in Deutschland schon inhuman wirkt, ist ein Witz gegen hiesige Verhaeltnisse. Das letzte halbe Jahr vor dem Abi haben die Schueler keine Freizeit, sondern nur noch die Pruefung vor Augen.
Dabei reicht es nicht, an irgendeiner Uni zu studieren. Im Gegensatz zu Deutschland schwankt das Niveau extrem. Wer an einer vermeintlich schlechten Uni studiert, kann gleich einpacken, waehrend Absolventen von Elite Unis sich die Jobs am Fliessband aussuchen koennen.
Materielle Sicherheit ist in China wesentlich wichtiger als bei uns, wo sich viele junge Leute den Luxus heraus nehmen, andere Prioraeten im Leben zu haben, beim "Ich will erfolgreich und reich sein"-Spiel nicht mehr mitspielen wollen und nach der Schulzeit erstmal auf Sinnfindung in der dritten Welt rumreisen wollen. Das funktioniert natuerlich nur mit reichen Eltern oder einem guten Sozialstaat im Hintergrund.
In China sieht die Situation jedoch anders aus. Es gilt wie selbstverstaendlich die Pflicht, dass die Kinder spaeter einmal fuer die Eltern sorgen und diesen im Alter ein angenehmes Leben ermoeglichen sollen. Bei Maennern kommt hinzu, dass diese nicht nur humorvoll sein und gut aussehen sollen, sondern vielmals auch einen ordentlichen Job brauchen, um das Ok der zukuenftigen Schwiegereltern zu bekommen. Das soll jedoch nicht heissen, dass Maenner eine schlechtere Position in der Gesellschaft haben, im Gegenteil. Allerdings sind die Frauen in China im Vergleich zu anderen asiatischen Laendern ziemlich emanzipiert.
Wer in China aufwaechst, auf dem lastet ein enormer Druck. Anders als bei uns kann man jedoch seine Gefuehle nicht offen zeigen. Nach aussen hin wird immer gelaechelt und fuer soziale Harmonie gesorgt, unter der Oberflaeche brodelt es jedoch gewaltig.
Depressionen sind ein grosses Problem, besonders auch unter Studenten. Dass dies so ist, hat mich zuerst stark verwundert und oberflaechlich betrachtet mag man es kaum glauben: Die meisten Studenten lernen den Tag ueber in der Bibliothek, essen zwischendurch, gehen abends freuh ins Bett und treffen sich am Wochenende mit Freunden zum Shoppen oder Karaoke Singen. Ein einfaches Leben, kein Alkohol, keine Drogen, keine Wohlstandsverwahrlosung oder sonstige (westliche) Grossstadtproblematiken.
Trotzdem hat China die hoechste Selbstmordrate der Welt, besonders unter Frauen. In regelmaessigem Abstand steigen Studenten auf das hoechste Gebaeude ihrer Uni und springen. Oft passiert dies einen Tag vor der Abschlusspruefung.
Manchmal ist Liebeskummer im Spiel, aber meist wird der Druck einfach zu gross. Die Finanzkrise verschlimmert die Situation erheblich. War ein Uniabschluss frueher noch eine Jobgarantiee, so muessen mittlerweile viele Studenten um einen Arbeitsplatz bangen.
Auch Dozenten und Professoren haben es uebrigens nicht leicht. Enormer beruflicher Stress fuehrt oft dazu, dass viele mit Mitte vierzig einen Herzinfakt erleiden und einfach umfallen oder aber einen Brief an Frau und Kind schreiben und einfach verschwinden.
Der entscheidende Unterschied zu uns sind nicht die Probleme selbst (auch wenn diese natuerlich hier heftiger auftreten), sondern der Umgang mit ihnen. Es wird viel mehr geleugnet, unter den Teppich gekehrt und es gibt kein Ventil zur Kompensation.
Kleine Anmerkung: Auch wenn es manchmal so rueberkommt, habe ich natuerlich nicht die Weisheit mit Loeffeln gegessen, sondern nur meine Gedanken aus der Sicht eines Austauschstudenten, der lediglich seit drei Monaten in diesem Land ist, etwas ungeordnet, aber aufrichtig und mit reinem Gewissen aufgeschrieben. Also bitte nichts als der Wahrheit letzter Stand nehmen - dennoch glaube ich, dass ich die Situation recht treffend analysiert und zumindest die Kernproblematik rauskristallisiert habe.
Dienstag, 28. April 2009
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"...waehrend Absolventen von Elite Unis sich die Jobs am Fliessband aussuchen koennen."
AntwortenLöschenBei uns können sich Absolventen von Elite Unis fast überall bewerben und müssen nicht in irgendeiner Fabrik am Fließband stehen...Komisches China...
Nichts gegen Akkordarbeit!
AntwortenLöschenDanke Fabi, für diesen wunderbaren, kritischen Beitrag!!! malina.
AntwortenLöschenVielen Dank fuer das Lob, ich fuehle mich geehrt!
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