Samstag, 25. April 2009

Gottesdienst auf chinesisch oder: Pathetischer geht's echt nicht!

Ni hao in die Runde,

Gestern wurde ich von meiner chinesischen quasi-Freundin mit in einen protestantischen Gottesdienst geschleppt, bzw. ich war auch sehr begierig darauf, einerseits weil mich der Vergleich zu Deutschland interessiert hat und zum anderen war der Vorabend wieder feucht froehlich, sodass mir etwas Laeuterung sicherlich nicht schlecht tun wuerde. Also abgesehen von etwas Uebernaechtigung allerbester Voraussetzungen -

Von aussen sah die Kirche architektonisch nicht grossartig anders aus, aber als ich sie von innen betrat, wurde mir schon klar, dass der Abend so einige Ueberraschungen bereit halten wuerde.
Die Tatsache, dass anstatt Baenke nur Plastiksessel aufgestellt waren und die Orgel durch zwei Lautsprecherboxen ersetzt wurden, kann man wohl guten Gewissens auf das wohl vergleichbar kleine Budget der christlichen Kirche in China zurueck fuehren. Das restliche Ambiente war aehnlich "unkonventionell": Waehrend allmaehlich die ersten Kirchgaenger eintrudelten (die Messe sollte schliesslich mit gut 30 Minuten Verspaetung anfangen)kam aus den Boxen chinesische Pop-Balladen mit kirchlichen Texten aus den Boxen. Das darf man sich ungefaehr so vorstellen: Boygroupstimmen (und dazu noch chinesische), kitschige Pianountermalung und Frauenchoere im Hintergrund. Auf einem Beamer wurden die Liedernamen auf eine Leinwand projeziert, was ziemlich an eine Karaokebar erinnert hat, und in der Tat bestanden die meisten Lyrics nur aus dem Refraintitel und vielleicht noch ein bis zwei weiteren Zeilen, die bis zum Erbrechen auf 4 Minuten wiederholt werden.
Trotzdem es Freitagabend war, wurde die Kirche ziemlich voll und auch einige Jugendliche waren am Start. Angefangen hat der Gottesdienst mit dem Chor, in dem auch meine Begleiterin mit von der Partie war. Insgesamt bestand er aus zwei Reihen von ungefaehr gut einem Dutzend 20-jaehrigen Maenner und Frauen, die mit einem Honigkuchen-Grinsen die Lieder gesungen haben, die vorhin beim Warten schon auf Repeat gelaufen sind. Das ganze war zwar sehr schoen und lieblich, allerdings mir auch etwas unangenehm, da ich in der zweiten Reihe sass, was bedeutet hat, dass der Chor in einem Abstand von weniger als einem Meter auf mich "eingesungen" hat und ich nicht anders konnte als still auf dem Boden zu gucken. Nach der 5. Wiederholung sollten wir dann aufstehen und waherend der 6. die rechte Hand gen Himmel heben. Ich konnte natuerlich wegen fehlender Sprachkenntnisse nicht mitsingen, habe aber als mit Abstand groesster im Saal ziemlich vielen hinter mir die Sicht geraubt. Langsam wurde mein Gesicht rot -

Der Pfarrer war der Beste. Super herzlich und alles, ziemlich jung noch und in einem Nike-Athletics Kapuzenpulli gekleidet (!!!), nunja, mich hats jetzt nicht grossartig gestoert. Die Predigt konnt ich eh nicht verstehen. Deswegen erhoffte ich mir, eine ruhige Kugel schieben zu koennen. Aber denkste, wenig spaeter wurden die Neuankoemmlinge aufgerufen, darunter ich auch, und gebten, doch aufzustehen. Ich hab das nicht wirklich gecheckt oder zumindest so getan als ob, da mir die Aufmerksamkeit durchaus unangenehm war. Als mir dann aber ein Chinese eine rote Papierrosse inklusive Heft als Betanleitung in die Hand gedrueckt hat, fuehlte ich mich gezwungen, mich kurz von der Bank - ich mein natuerlich Klappstuhl - zu erheben, worauf hin die ganze Gemeinde in jubelnden Applaus ausgebrochen ist (!!!).
Dann wurde die Gruppe aufgeteilt, kein Plan wieso. Ich bin jedenfalls mit ca. 30 weiteren Leuten in einem Hinterzimmer mit Ventilator gelandet, wo wir eine Bibelstunde gehalten bekommen haben von einem jungen Chinesen mit schon fast aetzender Gute-Laune-Mentalitaet. Zuerst wurden ein paar Leute aufgefordert, sich vorzustellen und von ihren Beterfahrungen der letzten Zeit zu sprechen. Ich dachte mir: Wo bin ich denn hier gelandet - bei den anonymen Alkoholikern oder doch Scientology? Aber ich will jetzt nicht ungerecht sein, wenn man sich drauf einlaesst, dann war das alles schon nachvollziehbar...
Die naechsten anderthalb Stunden wurde dann hardcore-maessig Bibel gelesen: Hier ein Psalm, dort ein Kapitel, und und und. Am Ende durften dann Freiwillige vor der Runde beten. Ob es um die bevorstehende Hochzeit der eigenen Mutter, Uninoten oder den Wunsch nach ploetzlichem Reichtum ging - Gott wuerde schon alles richten. Vielleicht etwas drastisch und sarkastisch formuliert, aber ganz selbstlos war die ganze Geschichte jedenfalls nicht.
Abgerundet wurde das ganze dann noch mit einer Singstunde fuer die jungen Kirchgaenger, die nochmals die gleiche Playlist proben konnen.
In allem also fast 3 Stundne Programm und auch wenn meine erhoffte "Karthasis" nicht eingetreten ist, so bin ich doch zumindest um eine interessante Erfahrung reicher.

In diesem Sinne: Fabi ist mit euch!

4 Kommentare:

  1. Danke fuer die Gruesse, aber solange du den Mantel der Anonymitaet nicht lueftest, weiss ich nicht, bei wem ich mich bedanken soll ;)

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  2. Ich hab kein Profil, deshalb- Anonym. hehehehehehehehehehehe

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  3. Na dann weiss ich ja bescheid... wenn du das liest, wirst du wahrscheinlich schon eine Mail von dir im Postfach liegen haben - machs gut!

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Wieso kannst du nicht einfach die Fresse halten?